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Ulli

Ritter vom goldenen Spott

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Freitag, 21. Juni 2013, 08:43

Unarten in Musiker-Biografien

Hallo,

aktuell lese ich Martin Demmlers Schumann-Biografie, die mir einige neue Erkenntnisse bringt. Ich werde dazu zu gegebener Zeit an geeigneter Stelle noch ausführlicher berichten.

Was mir allerdings etwas aufstößt, ist die teilweise Benennung des Protagonistens beim Vornamen. Diese Unart habe ich sehr häufig bei Biografien über Mozart erleben müssen, bei Haydn, Mahler und Beethoven ist mir dies noch nicht untergekommen. Jetzt also (auch) Schumann. Einigermaßen nachvollziehen kann ich diese Vorgehensweise, wenn von der jungen Person (sagen wir mal bis ~ 20 Jahre Lebensalter) die Rede ist; in diesem Fall würde ich dies noch als stilistisch bedingte Abgrenzung vom Heranwachsenden zum reifen Mann akzeptieren. Ein solches System ist aber bei Demmler für mich nicht erkennbar.

Irgendwie stellt sich mir beim Lesen des Nur-Vornamens so ein Gefühl der (bewussten oder unbewussten) Herabsetzung der Person ein, während man beim Lesen des Zunamens doch eher aufblickt oder zumindest einen erhabenem Abstand verorten kann. Tendenziell kann ich eine solche Wertung durch den Autor erkennen, indem Demmler bei eher negativ konnotierten Ereignissen den Vornamen benutzt: "Doch während Robert dazu neigt, die gemeinsame Zukunft in leuchtenden Farben zu malen, bleibt Clara realistisch" (S. 90), wohingegen Positives durch die Nennung des Zunamens mehr Stellenwert erlangt: "Es sind die großen Klavierwerke jener Jahre, die Schumanns Ruhm als Komponist begründen" (S. 83). Aber auch bei diesem Verfahren ist Demmler wenig konsequent.

Ist diese "Privatisierung" der großen Künstler eigentlich (noch oder wieder) zeitgemäß? Verkommen "unsere" Komponisten zum Allgemeingut? Mir ist durchaus klar, daß durch die Verwendung der nackten Vornamen ein engerer Bezug zum Leser erzeugt werden kann (soll) bzw. auch vom Autor auf dessen Person bezogen hergestellt wird. Dafür ist m. E. aber eigentlich die Musik zuständig. Mir persönlich geht das Gewolferle und Geroberte ziemlich gegen den Strich und auf de Nerven - ich bin beinahe jedesmal leicht schockiert, wenn ich die reinen Vornamen lese; ich empfinde dies mitunter als respektlos (womit ich nicht behaupten möchte, daß Demmlers Buch ohne den gebotenen Respekt geschrieben wurde). Noch zu Schumanns Lebzeiten war es üblich, sich trotz eines gewissen Naheverhältnisses zu siezen. Auch nach einer längeren Trennung, welcher das Duzen vorausgegangen war, kehrt Schumann zum "Sie" zurück, wobei Clara Wieck zu diesem Zeitpunkt nicht einmal großjährig war...

Diese Vornamenverwendung hat für mich stets etwas Besitzergreifendes: ständig lese ich ein latentes "mein" (Robert). Selbst in einschlägigen Klassikforen ist die Unsitte der Verwendung von nackten Vornamen auf dem Rückzug: "Wolferl", "Schwammerl", "Old Joe" oder Vergleichbares liest man allenfalls in scherzhaftem Kontext.

:wink:
Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.
W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790