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Yorick

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Montag, 10. November 2014, 15:23

Jetzt haben wir den Salat! Früh im Wagen pfiff ich die Ouvertüre, später summte ich auf Arbeit wechselseitig die Arien von Belmonte und Konstanze und schließlich sang ich lauthals Osmins furchtbare Drohungen, so dass alle Schutzbefohlenen von mir stieben ...
"Alas, poor Yorick! I knew him, Horatio; a fellow of infinite jest, of most excellent fancy; he hath borne me on his back a thousand times; and now, how abhorred in my imagination it is! My gorge rises at it. Here hung those lips that I have kissed I know not how oft. Where be your gibes now? Your gambols? Your songs? Your flashes of merriment, that were wont to set the table on a roar?"

Ulli

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42

Montag, 10. November 2014, 18:07

und schließlich sang ich lauthals Osmins furchtbare Drohungen, so dass alle Schutzbefohlenen von mir stieben ...

Na, dann kann doch die Aussenwirkung nicht so dermaßen daneben liegen; vielleicht solltest Du Dich mal als authentischen Osmin bewerben?

:beatnik:
Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.
W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

Yorick

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43

Dienstag, 30. Dezember 2014, 13:17

"Lohengrin" in Weimar war geil, später mehr. Gerade bei Wagner kommt gegen live kaum eine CD oder DVD an, so viel besser sie rein musikalisch auch sein mag.
"Alas, poor Yorick! I knew him, Horatio; a fellow of infinite jest, of most excellent fancy; he hath borne me on his back a thousand times; and now, how abhorred in my imagination it is! My gorge rises at it. Here hung those lips that I have kissed I know not how oft. Where be your gibes now? Your gambols? Your songs? Your flashes of merriment, that were wont to set the table on a roar?"

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44

Dienstag, 30. Dezember 2014, 23:22

Insgesamt mehr als PRAGmatisch...



Mein Kurztrip nach KV504, der Hauptstadt von Škodanien, führte mich zwangsläufig zum Ständehaustheater, in dem Mozarts Don Giovanni und La Clemenza di Tito uraufgeführt wurden. Am Abend gab es zufälliger Weise (?) meine Lieblingsoper Cosí fan tutte; zwei Plätze waren noch frei: 2te Reihe direkt vor Blech und Pauken: perfekt! Kosten? Egal... man gönnt sich ja sonst auch alles. HIP hin oder her - immerhin waren die Rezitative halbHIP: es begleitete eine Walter-Replik von Christopher Clarke: die Hauptsache war, mein Allerwertester hat dieses Theater endlich einmal besessen. So war auch dieser Punkt endlich abgehakt und mein Herz gab 626 Prozent... 3 Meter entfernt von dem Punkt, von dem aus Mozart seinen Don Giovanni und Titus zum Leben erweckte...

*cat*

Etwas erstaunt war ich einmal mehr, wie leise ein originales Orchester im Graben mit quasi direktem Kontakt (Entfernung ca. 2,50 m) ist. Ich habe vergeblich nach dem Lautstärkeregler auf den Rückenlehnen gesucht... in meinem privaten Opernhaus ist das alles fünf Mal lauter. Insgesamt ein natürlich beeindruckendes Gebäude, das ich spontan gekauft hätte; aber leider hieß unser Spiel nicht Monopoly, sondern bloß Cosí fan tutte...



Die Inszenierung war "naja" - die Streicher mittelmäßig, die Sänger einzeln teilweise grenzwertig (besonders Dorabella war proletarisch), im Ensemble jedoch sehr musikantisch und homogen, die Holz- und Blechbläser (abgesehen von den falschen Instrumenten) sehr gut. Besonders geil war der erste Fagottist: ein Clown sondergleichen, der in den notierten Pausen ausnahmslos am Boden vor Lachen lag (vermutlich über eigene Witze), aber beim Einsatz 298% gab: nicht ein Fehler, extrem akkurat, voll bei der Sache, bitter ernst... erstaunlich:



Dr. Sheldon Cooper, der offensichtlich nicht nur die Blockflöte blasen kann... :D

Am Abend fiel die Hauptbesetzung der Despina aus und wurde durch Yukiko Šrejmová (Schreimova :D ) Kinjo ersetzt: was für eine Stimme! Der Stern des Abends! Herrlich! Eine Despina, die wie frisch komponiert aus der Partitur entstieg.

Vor der Aufführung waren meine Begleitung und ich noch auf der Suche nach einem Böhmischen Restaurant, das Powidltaschen im Programm hatte; ich kannte diese göttliche Speise bereits, hatte meine Begleitung aber deskriptiv angefixt, so daß wir beschlossen, Prag nicht zu verlassen, ohne diese Komposition einverleibt zu haben. Wir klapperten etliche Lokalitäten ab, studierten die Speisekarten, die immer wieder Apfelstrudel und Eis mit heißen Früchten anboten... keine Powidltaschen in Sicht. Ein Restaurant, das keine Spiesekarte im Aushang hatte, inspizierten wir penetrant von innen, und waren gleich leicht überrascht:



Irgendetwas stimmte hier mit der Wandbemalung nicht... ein Blick in die Speisekarte präsentierte uns außerdem - neben dem Umstand: leider keine Powidltaschen! -, daß Mozart in diesem Haus (das heute noch immer "zu den drei goldenen Löwen" heißt) 1787 wohnte und anlässlich der Uraufführung des Don Giovanni vermutlich auch die Ouvertüre hier komponierte (oder zumindest Powidltaschen zu verspeisen gedachte...); das reichte mir aus, um dort eine Kartoffelsuppe im Brottopf zu vertilgen.



Nebenbei besuchte ich auch eher per Zufall - Schuld war ein ekelhafter Wind: ich kam mir vor, als schmiss man mir im Abstand von 10 Sekunden Rasierklingen ins Gesicht - das Palais Lobkowicz, das die Originalpartituren und die Uraufführungsmaterlialien von Beethovens 4ter und 5ter Sinfonie beherbergte: ich war diesen Schätzen bis auf 1 cm nahe, dito der Bearbeitung Mozarts des Händelschen Messias.

Powidltaschen - ein Dramma giocoso mit lieto fine - gab es letztlich im Restaurant der Klosterbrauerei...

*yorick*

Kurzum: Zuviel des Guten ist wundervoll (Liberace).
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45

Mittwoch, 31. Dezember 2014, 06:18

toller Bericht :jubel: :jubel: :jubel:
Sex, Drugs & Jean Baptiste Lully


Yorick

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46

Mittwoch, 31. Dezember 2014, 09:08

Ja, sehr schön. Prag ist eine meiner Lieblingsstädte, kulturell, historisch und auch sonst ... 8-) *yes*
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47

Sonntag, 11. Januar 2015, 15:51

Yukiko Šrejmová Kinjo

Kuxtu:



Selbes Theater, gleiche Inszenierung...
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48

Donnerstag, 26. Februar 2015, 23:18

Riccardo Imo
im Rahmen der Carlsruher Händelfestspiele 2015
Badisches Staatstheater 26.02.2015

Deutsche Händel-Solisten
Paul Goodwin


Paul Goodwin hat die Ruhe für sich gepachtet; die Tempi waren alle schlüssig, niemals langweilig, aber auch niemals zügig und wirklich fesselnd; etwa im Hoodwood-Standard. Die Händel-Solisten spielten wie immer sehr solide, wurden aber oft gedrosselt und konnten nur bei den P(r)unkarien und -ensembles etwas mehr aufdrehen. Als Cembalist trat Thomas Leiniger auf, den ich von einigen Clavier-CDs her sehr schätzen gelernt habe (das Foto im Programmheft ist aber auch schon mindestens 10 Jahre alt...) - ich wusste gar nicht, daß er dort accompagnirt.

Nun denn: die Show begann und der erste Akt verlief sehr sachlich und statisch, sich vorsichtig voran tastend, es herrschte narrative Kälte: kein Zwischenapplaus (hat sich das Publikum wegen der Noblesse, die in der Luft lag, nicht getraut oder waren alle so schlecht?) und besonders Sine Bundgaard als Costanza kam sehr unterkühlt und fast zu schrill daher (sie fand aber die richtige Temperatur ab etwa Mitte des 2. Aktes). Wie warm, weich und anheimelnd war dagegen Claire Lefilliâtre als Pulcheria - vom ersten bis zum letzten leicht nasalen Ton. Der Star des Abends, Franco Fagioli als Riccardo hat sicher auch schon bessere Abende gegeben und hat in Nicholas Tamagna als Oronte einen ernsthaften Konkurrenten gehabt. Überhaupt hatte ich den Eindruck, daß Händel eher die beiden Castratenrollen gegeneinander ausgespielt hat, als - wie weit verbreitet - die beiden Primadonnen, die recht gleichwertige Arien zu bewältigen hatten. Fagioli konnte aber natürlich durch prägnante Spezial-Castraten-Showeffekte punkten und das Publikum war sehr zufrieden mit ihm. Zugegeben: schlecht war er ja auch nicht, aber live hatte ich ihn weitaus faszinierender in Erinnerung. Sehr gut gefallen haben mir auch die rar gesäten Baß-Arien Isacios, gesungen von Lisandro Abadie.

Die Kostüme waren erste Sahne, die barocken Bewegungen auf der Bühne ebenfalls: die Mitwirkenden klebten förmlich am Boden und bewegten sich wie Figuren auf einer Schiene, wobei Beine, Oberkörper und Arme in ständiger Zeitlupenbewegung waren. Ehrlich gesagt überraschend waren die Feuerwerke auf der Bühne im dritten Akt: so muß das in der Barockoper sein! Das Bühnenbild Benjamin Lazars konnte mich zu Beginn nicht überzeugen; kurz bevor ich es als langweilig einzustufen gedachte, änderte sich alles zum Positiven: zwar keine barocke Pracht, aber die Fassaden waren immerhin so gestaltet, daß sich die Kostüme entweder integrierten oder völlig abhoben (oder beides gleichzeitig).



Nun bin ich nicht besonders nah am Wasser gebaut, aber beim Duett am Ende des 2. Aktes (die Enden der zweiten Akte sind für mich stets die Höhepunkte bei Händel), war ich doch kurz davor, mir die Pulsadern aufzuschlitzen... wenn Costanza und Riccardo "T'amo sí" singen, komme ich mir schon ein wenig verrosamundepilchert vor... :love: ;( - Wie so oft bei Händel, entspinnt sich die Oper in den ersten beiden Akten sehr zähflüssig und erst der dritte Akt erregt wieder volle Aufmerksamkeit: hier gaben die Händel-Solisten und die Sängerriege wirklich richtig Gas. Die heimlichen Stars des Abends waren für mich dennoch Isacio und Pulcheria. Beeindruckend flinke Finger hatte der Piccoloflautist (wer von den beiden genannten Flauttrasvertisten es war, wird leider verheimlicht) in der Arie "Il volo così fido". Ein wenig zu kurz kam mir das Continuo - wenngleich die Lauten sehr gut hervortraten, habe ich Theorben vermisst und es fehlte mir am fundamentalen Baß-Sound.

Was mir bei dieser Oper(nproduktion) einmal mehr aufgefallen ist (beim CD-Hören bekommt man das nicht so mit): das Eigentliche an der Barockoper sind die Rezitative, welche die Handlung fortspinnen und -treiben: die Arien haben nur dekorativen Charakter und sind meist (bis auf ein oder drei, die unmittelbaren Bezug zur Handlung haben) Allegorien auf die Geschehnisse. Barockoper live schauen ist also das genaue Gegenteil von Rezitativ-Wegzappen beim CD-Hören...

Franco Fagioli: <-- das sind Händl
Sine Bundgaard:
Nicholas Tamagna:
Claire Lefilliâtre:

Der Büste meines Lieblingskomponisten, die hier direkt vor meinem Zimmer steht, habe ich nach meiner Rückkunft erstmal eine kräftige Streicheleinheit verpasst:



Insgesamt ein wunderbarer Abend, der sein Geld allemal wert war. Die vier Stunden vergingen wie im Flug und das, was definitiv fehlte, hole ich jetzt nach: Rotwein.

*sante*

Morgen folgt: TESEO mit Valer Sabadüs und Terry Wey... ich setze mal - verwegen wie ich bin - auf letzteren.
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49

Freitag, 27. Februar 2015, 10:05

Irgendwie war mir klar, dass der Fagioli bei Ulli nicht so punkten kann, und dass ihm ausgerechnet die Pulcheria so gut gefällt. Den Oronte fand ich zwar auch gut, aber halt lange nicht so mühelos virtuos wie den Riccardo. Bei der Pulcheria fehlte mir der nötige Rumms, und das Virtuose, vor allem die Kadenzen klangen in meinen Ohren schon sehr durchbuchstabiert. Wahrscheinlich hat mich das Studium bei einer Koloratursopranistin, die auc Counters ausgebildet hat, mit entsprechenden Hörerwartungen infiziert, weshalb Ullis und meine Wertung auseinander liegen. Zudem haben wir ja auch unterschiedliche Vorstellungen gehört.

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50

Freitag, 27. Februar 2015, 10:16

Bei der Pulcheria fehlte mir der nötige Rumms, und das Virtuose, vor allem die Kadenzen klangen in meinen Ohren schon sehr durchbuchstabiert.

Das stimmt, aber ich fand das noch plausibler als das willenlose Rumgestochere in wahllosen Koloraturen von Fagioli - da steckte kein Plan dahinter und es erweckte mir den Eindruck, er wolle bloß zeigen, was er kann (und er kann ja zweifelsohne!). Ich fand sie teilweise unpassend - besonders in der letzten Nummer vor dem Coro. Aber er hatte natürlich den erhofften/geplanten Erfolg beim blendbaren Publikum damit. Das wollte ich eigentlich gestern schon geschrieben haben, aber es war mir wohl plötzlich entschwunden... deshalb Danke für den Wink...

;)
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51

Freitag, 27. Februar 2015, 11:46

Na, wenn ich kein blendbares Publikum sein will, dann kann ich auch Bach hören. Für mich ist es einer der stärksten Anziehungspunkte der Barockoper, dass sie Raum für Virtuosität bietet und wenn einer so virtuos ist, dann will ich das auch hören. Was daran willenlos sein soll, erschließt sich mir nicht, womöglich bin ich in dem Punkt zu oberflächlich. In meinen Ohren hat Fagioli bei all seinen virtuosen Eskapaden auch mehr Musikalität verströmt als die Pulcheria (was ich auch mit durchbuchstabierten Kadenzen meine).

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Freitag, 27. Februar 2015, 12:09

Für mich ist es einer der stärksten Anziehungspunkte der Barockoper, dass sie Raum für Virtuosität bietet und wenn einer so virtuos ist, dann will ich das auch hören.

Ich natürlich auch; aber an der richtigen Stelle in der richtigen Dosis und nicht in einer langsamen Arie plötzliche Drag-Queen-of-the-Night-Coloraturen. Das passt meinen Ohren überhaupt nicht... Pulcheria war in der Tat sehr unscheinbar, aber gerade dieses zögerliche, unsichere Erscheinungsbild bei absolut sicherer Intonation hat mein Herz eben einfach angekratzt.

:)
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Freitag, 27. Februar 2015, 23:50

TESEO
im Rahmen der Carlsruher Händelfestspiele 2015
Badisches Staatstheater 27.02.2015

Deutsche Händel-Solisten
Michael Form


Nun, was soll ich schreiben? Feststellung Nr. 1: mein verlängertes Rückgrat inklusive desselben qualmt... Feststellung Nr. 2: in der Aktpause war ich unentschlossen, wie ich das bisher Gesehene und Gehörte empfand. Feststellung Nr. 3: Nach der Vorstellung hat sich daran nichts geändert.

Die Inszenierung von Daniel Pfluger war irgendwie... erträglich. Gelungen empfand ich die Videoeinspielungen, welche die fast unansehnliche "Wand" gelegentlich interessant machte: wenn Medea auftrat - und das tat sie zum Glück oft - wurde mittels Videoeffekten eine Art Zugang zum Paralleluniversum geöffnet; das hatte was. Ansonsten weckte die gelbholzige Wand bislang ungeahntes Heimwerkerverlangen nach Beize und Hobel... das Zerfragglen der gesamten Bühne inklusive des Eintauchens in höllisches Rotlicht während Medeas Zaubersession am Ende des dritten Aktes war auch irgendwie... vorhersehbar.

In Carlsruhe wird diese Teseo-Produktion als eine der rühmlichsten gefeiert...ich weiß ja nicht: vielleicht waren die alle woanders oder sollten mal eine Inspektion beim Augen- und Ohrenarzt vornehmen lassen: Barockoper ist was anderes. Die Kostüme waren so lala: der einzige wirklich barock gekleidete war König Egeo, der aber - wie vorangekündigt - nicht gut drauf war: Flavio Ferri-Benedetti ließ allerdings trotz einiger Hänger und Abrutscher den Larry raushängen; er verhielt sich buchstäblich wie ein untauglicher König - aber es belustigte mich: ich mag das, wenn die Counterstimmen plötzlich in die Tenor- und/oder Basslage abrutschen.

:D

Aber auch in "gesundem" Zustand hätte er mir vermutlich nicht zugesagt.

Das mir am meisten gefallen habende Outfit trug Terry Wey :love: (bei der Kostümauktion diesen Sommer bin ich da!), am hässlichsten war Teseo gekleidet.

Überraschender Weise (man sollte halt den Programmzettel mal lesen) war Roberta Invernizzi eingekauft worden: sie hatte die ehrenvolle Aufgabe, die Medea zu verkörpern. Sie wurde ständig von zwei Teletubbies verfolgt, die wohl ihre dereinst entsorgten Kinder darstellen sollten und was, wenn man ständig an diese Greueltat erinnert wird, die Möglichkeit ihrer Grausamkeit in sehr wahrscheinliche Nähe rückt. Ich kannte Invernizzi bislang nur als Ent-oder-Weder-Sängerin: entweder geilomat oder grottenschlecht, dazwischen gab es bislang nichts. Heute war sie irgendwie alles drei: die Tollwut-Arien meisterte sie mit Leichtigkeit und ging mit den Coloraturen stets exakt parallel mit der herausragenden Hautboistin der Händel-Solisten - bei den übrigen Parts gehörte sie unter die Kategorie "ferner anwesend...". Begeistert hat mich natürlich Terry Wey als Arcane, obgleich seine Stimme teilweise etwas dünn herüberkam, wofür er aber natürlich nichts kann - die Natur ist eben ungerecht. Die Stars waren für mich ohne Zweifel Valer Sabadus als Teseo und Yetzabel Arias Fernández als dessen Geliebte Agilea. Das Publikum sah und hörte das auch so - mein Sitznachbar nicht so ganz... Larissa Wäspy gab eine zauberhafte und goldige Clizia ab. Hervorzuheben wären auch die beiden Cellosolisten und überhaupt: heute war das "Fondamento" um ein zweites Cembalo bereichert. Allerdings: während ich gestern bei Riccardo/Goodwin den Eindruck hatte, der Dirigent würde seine Maschine ausbremsen, war es heute genau umgekehrt: der mir bislang unbekannte Michael Form fand das Gaspedal nicht und konnte die Händelsolisten nicht so recht motivieren.

Als Medea kurz vor Schluß an zwei Stangen befestigt und ewige Rache schwörend von rechts über die Bühne "geflogen" kam, fühlte ich mich für die Barockoper doch etwas durch den Kakao gezogen - aber sei's drum: ich hab' auch gelacht. Medeas Machenschaften hätten dem fünften Akt noch locker vier weitere folgen lassen können (genau deswegen liebe ich die Rolle der Medea in allen Opern!), doch in der Sekunde, als mir eigentlich erst auffiel, daß hier stundenlang nur hohe Stimmen zu hören waren, knallte plötzlich aus heiterem Himmel der Hammer von oben herunter und Mehmet Altiparmak setzte dem nicht enden wollenden Hickhack in seiner Funktion als Minervapriester (Minerva ist italienisch und bedeutet: meine Nerven! :D ) mit döner donnernder Stimme dann doch ein nicht ganz unerwartetes und vielleicht sogar erhofftes Ende.

Highlights waren für mich Teseos lediglich vom Cembalo begleitete Arie "Quanto che a me sian care" und dessen Duett mit Agiela "Cara/o".



Teseo ist für mich keine Barockoper im eigentlichen Sinn (mehr): die Allegorien fehlen fast vollständig, es gibt mehrere Duette und nicht bloß eines am Ende des 2. Aktes - vielleicht verstehst Du, Simon, jetzt, was ich im entsprechenden Thread meinte. Ich sehe das allerdings auch nicht nachteilig oder prinzipiell wertend - mir ist es bloß heute Abend aufgefallen. Bei Teseo sind schon sehr deutlich die Personen gezeichnet, was kaum ein Komponist neben Mozart sonst gelingt - außer Händel eben.

Valer Sabadus
Yetzabel Arias Fernández
Terry Wey

Agilea hatte zwischendurch ein paar wenige nicht ganz so dolle Stellen, aber 3,5 Händl waren es bestimmt :)

Im Übrigen, Simon, waren hier die Koloraturen von diversen Auftragnehmern (vide Programmheft) auskomponiert worden. Ich fand sie alle wirklich sehr gelungen und passend und sie klangen für mich keinesfalls künstlich, sondern natürlich (bei der Rodelinda-Aufnahme mit der Kermes wurde das ebenso gehandhabt) - à propos: die Rodelinda klang wie auch Messiah gelegentlich mal an... (beide Werke sind aber nach Teseo, den Händel dann offenbar einige Jahre später als Steinbruch verwendet hat, entstanden).

Aber trotz allem gilt auch hier für mich: ich habe schon schlechteres für mehr Geld gehört und gesehen.

Weitermachen (Hauptsache ohne Badisches Staatsorchester :D).
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Montag, 2. März 2015, 09:28

Bis zur Pause wollte der Funke bei mir auch nicht überspringen, aber am Ende war ich doch ziemlich beseelt. Das Orchester empfand ich etwas undisziplinierter als beim Riccardo, aber trotzdem oder gerade deshalb launig. Die Inszenierung hat mich nicht vom Hocker gehauen, aber sie hat nicht gestört, sie war in Ordnung.

Einzig die Fernandez hat mich nicht zu Begeisterung hinreißen können. Zu wuchtig pflügt sich ihre Stimme durch die Koloraturen, ihr Timbre kratzt an meinem Intonationsempfinden, und insgesamt ist sie in meinen Ohren zu unausgeglichen. Ich habe mich schwer getan trotz aller Bravour.

Sabadus mal wieder: ich musste mich beherrschen, ihm nach der Vorstellung keinen mit Blütenwasser geschwängerten Teenie-Liebesbrief zu schreiben! Der Typ macht mich einfach fertig.

Ganz doll gefreut hat mich aber auch der Wey, tolle Sache! Ferri-Benedetti dagegen wäre beinahe enttäuschend gewesen, Indisponiertheit hin oder her.

@Ulli von wegen Barockoper:
Für mich ist der Teseo deshalb erst recht eine Barockoper, weil ich von Barockoper nicht unbedingt Allegorisches erwarte. Ich denke, dass der Teseo vor allem deshalb weniger allegorisch ist, weil er keine klassische Opera seria ist, sondern auf einer tragedie lyrique Quinaults basiert. Die Opern Lullys (und seiner Nachfolger bis Rameau) sind bei weitem nicht so allegorisch/reflektierend wie die da-capo-ariosen Opere serie. Und auch die italienische Oper des 17. Barockjahrhunderts (Cavalli, Cesti etc.) hat sich nicht alle paar Rezitativsätze mit minutenlangen Da-Capo-Arien aufgehalten, in denen Sinnsprüche über die Rampe gelassen wurden. Den Riccardo empfinde ich in dieser Hinsicht auch schon ziemlich extrem, der tendiert mit seiner Handlungsarmut und Sinnspruchdichte schon sehr zum Oratorium.

@Ulli von wegen Verzierungen:
Es mag löblich sein, dass einige der Da Capos im Teseo von lizensierten Profikomponisten verziert worden sind. Die Koloraturen von Fagioli und der Riccardo-Crew fand ich trotzdem klasse. :thumbsup: Mit solchen Feinheiten darfst Du meinen sensationsgeilen Ohren nicht kommen. :D

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55

Montag, 2. März 2015, 17:33

Die Koloraturen von Fagioli und der Riccardo-Crew fand ich trotzdem klasse. Mit solchen Feinheiten darfst Du meinen sensationsgeilen Ohren nicht kommen.

Schon klar; wie schon geschrieben, fand ich die Girlanden ja auch nicht übel... nur eben oftmals deplatziert. Zum Verständnis meiner Position ein viellicht etwas zu groß gegriffenes Beispiel, aber mich erinnerte das in etwa an ein klassisches Clavierkonzert, in welchem moderne Kadenzen gespielt werden - das wirkt für mich nicht organisch (obgleich auch in diesem Fall z.T. saugeile Sachen dabei sind...zumal, wenn dann das moderne Instrument auch mal zur vollen Geltung kommt, weil es ja im Konzert selbst hu 80% überflüssig ist. Das sehe ich ja ein; ist aber ein anderes Thema). Daß es wunderschön ausgearbeitet und sich integrierend geht, ohne daß es aufgesetzt und fremd wirkt, hörte man beim Teseo.

Dabei mag ich Opere serie genauso gerne wie ... wie nennt man die denn? Opere allegorie? Ich finde eigentlich die Idee, die Texte (also Rezitative) durch schmückendes Beiwerk zu kommentieren höchst anspruchsvoll und beglückend; nur Rezitative wollte ich jetzt auch nicht hören... die heutige Jugend macht das ja zum überwiegenden Teil.

Mit Deinem Vergleich Riccardo ./. Teseo gebe ich Dir vollkommen Recht; ich sah mich bloß punktuell veranlasst, meine persönliche Deutung des Begriffs "Barockoper" an diesem Beispielen nochmals darzulegen, weil es sich gerade anbot. So wie der Riccardo eigentlich allgemein zu pittoresk ist, hat Teseo zwei Akte zuviel... ich meine damit nicht die Dauer insgesamt, sondern die Verteilung des Geschehens. Fünfakter sind mir insgesamt zu aufgebläht (auch Mozarts Figaro). Drei müssen reichen. Das ist eine magische Zahl...

:D
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56

Dienstag, 17. März 2015, 19:16

Zur Einstimmung auf die "Walküre" ... habe ich seinerzeit bei C gepostet, im Juni 2013 ...

Zitat

Oper Leipzig: „Rheingold“


Leitung


Musikalische Leitung: Ulf Schirmer
Inszenierung: Rosamund Gilmore
Bühne: Carl Friedrich Oberle
Kostüme: Nicola Reichert
Dramaturgie: Christian Geltinger


Besetzung

Wotan: Tuomas Pursio
Donner: Michael Kraus
Froh: James Allen Smith
Loge: Thomas Mohr
Fasolt: Stephan Klemm
Fafner: James Moellenhoff
Alberich: Jürgen Linn
Mime: Dan Karlström
Fricka: Karin Lovelius
Freia: Sandra Trattnigg
Erda:Nicole Piccolomini
Woglinde: Eun Yee You
Wellgunde: Kathrin Göring
Flosshilde: Sandra Janke

Gewandhausorchester Leipzig

Tanzensemble:
Alicia Varela Carballo, Ole Driever, Héloise Fournier, Ziv Frenkel,
Unita Gay Galiluyo, Mathias Kleinschnittger, Luise Krause, Elodie
Lavoignat, Sandra Lommerzheim, Alexander Range, Oriol Tula, Jochen Vogel


Termine:

· Samstag, 04.05., 19:00 Uhr
· Samstag, 18.05., 20:00 Uhr
· Samstag, 08.06., 19:00 Uhr
· Sonntag, 16.06., 18:00 Uhr (von mir besucht)

Nächste Spielzeit wird wiederholt, während man jedes Jahr einen weiteren Teil der Tetralogie plant; bis 2016 dann der gesamte Zyklus aufgeführt wird.


Bühnenbild und Kostüme:

Ein opulentes und überzeugendes Einheitsbühnenbild von Carl Friedrich Oberle. Ein leicht verwitterter Außen-Innenraum, der an ein Schloss erinnert, in der Mitte eine Säule mit Nische für Goldschatz und Miniatur-Walhalla. Mit diversen Fenstern für gespenstische Schattenspiele, einer Wendeltreppe nach oben nach oben in Richtung Walhall und nach unten, mit allerlei Schachtöffnungen für Auf und Abgänge, vor allem in Richtung Nibelheim. Und mit einer Spielfläche im Zentrum - zunächst ein großes Becken in der Mitte und im ersten Bild mit Wasser gefüllt - und einem Leuchtgewölbe oben drüber. Die Kostüme von Nicola Reichert sind phantasievoll an die Entstehungsgeschichte des Werkes adaptiert und verleihen den einzelnen Figuren ihren besonderen individuellen Charakter. Sie entsprechen der Mode der Wagnerzeit: Wotan in Generalsmantel, Fricka im steifen Stehkragenkleid, Freia in pastellfarbenem Tüll, Donner und Froh, in grauer Arbeitsmontur die Nibelungen. Die Tänzer wandeln sich von Eis zu Feuer, von Riesenschlange zu Archaeopteryx.


Orchester:

Das Gewandhausorchester löst das Wagner-Grundproblem, dass man an bestimmten markanten Stellen zwar wild tobt, aber dennoch die Solisten nicht zudeckt. Von ein paar Einsatzwacklern in verschiedenen Bläsern abgesehen, überzeugt der Zugriff völlig durch eine beeindruckende Klangmalerei und durch ein farbenreiches und nuanciertes Spiel, auch wenn im Graben dem edel timbrierten Klangkörper etliche Schärfen abtrotzt werden. Spannungsgeladen und dynamisch ließ Schirmer das Orchester gewaltig aufbrausen und führt die Orchestermusiker mit klarem Gestus durch die Partie. Er arbeitet Farbnuancen heraus, wechselt klug die Tempi und arbeitet besonders die Leitmotive und symphonischen Elemente klar heraus. Dennoch dominiert der sehr deutsche Eindruck, der sehr große, dunkle Ton voller Pathos; wenn in meinem rechten Ohr der Tinnitus lauter fiept, brauche ich im Grunde keine weiteren Analysekriterien. Das ist sehr wuchtig und laut und ruppig und rau und verschiedene Beobachter wiesen zumindest darauf hin, dass dieses weniger zeitgemäß sei, weil man Wagner heute eher italienisch spiele, ausgedünnt und kammermusikalisch. Das ist natürlich eine reine Interpretationsfrage, Wagnerpuristen werden in Leipzig auf ihre Kosten kommen; nur ausgerechnet nicht bei den Ambossklängen der Nibelungen, hier klingt es wie im Kinderzimmer. Dass es aber anderswo mehr differenziert spannender klänge als in Leipzig, kann mir niemand wirklich erzählen.


Rollen

Rheintöchter: Die drei Rheintöchter sind sehr sexy, kurze Höschen und Miniröckchen, schulterfreies Mieder. Immer noch nicht das, was ich mir als Mann heutzutage vorstelle, wenn ich an die Verkörperung dieser erotischen Fabelwesen und die diesbezüglichen technischen und a-moralischen Möglichkeiten der Moderne denke. Eun Yee You(Woglinde), Kathrin Göring (Wellgunde) und Sandra Janke (Floßhilde) bilden in der Anfangsszene ein harmonisches Trio, stimmlich verführerisch agil, darstellerisch hingegen leicht hölzern und aufgereiht.

Wotan: Auch wenn andere Rezensenten hier noch vorsichtig urteilen und auf Entwicklungsmöglichkeiten in den folgenden Teilen verweisen, hoffe ich inständig, dass Tuomas Pursio nicht weiter den Chef der Götter gibt. Er mag einen klangvollem Bariton haben und hin und wieder mit gekonnter Ausdrucksgestik aufwarten, überzeugen kann er aber nicht. Es fehlte völlig an Durchsetzungskraft gegenüber dem Orchester, er kommt sängerisch an seine Grenzen, seinem relativ hoch angelegten Bariton fehlen noch das Fundament in der Tiefe und die natürliche dominante Ausstrahlung, die diese Partie so einzigartig macht. Aber er überzeugt auch darstellerisch nicht, farblos und matt; ein wirklich sympathischer Typ, aber alles in allem kein (noch) mächtiger Göttervater. Aber seien wir gerecht: Wie viele gute Wotans kennen wir?

Loge: Thomas Mohr ist ohne Zweifel der beste Sänger des Abends, der den schönsten Partien mit reicher Klangfarbe große Strahlkraft verlieh. Mit einer gleißende Tenorstimme, die schon fast Heldentenorcharakter hat, kraftvollem Auftreten und übersprühender Spielfreude ist er sängerisch und spielerisch der Dominator dieser Aufführung und hat mit seiner musikalischen Interpretation dieser Figur einen neuen Maßstab gesetzt.

Alberich: Jürgen Linn ist nach Thomas Mohr der herausragende Sänger des Abends, der seinen Text minutiös gestaltet, ohne darüber das Singen zu vergessen. Jede Zeile trägt hier Bedeutung und gleichzeitig Klang, ist nie selbstverliebter Manierismus, sondern steht immer im Dienst des Gesamtkunstwerks. Sein markanter Bass-Bariton ist geprägt von Durchschlagskraft und sehr textverständlicher Deklamation. Sein Spiel, zunächst komödiantisch hinter den Rheintöchtern gierend, dann abgrundtief böse als Nibelungenfürst, zeigt alle schauspielerischen Facetten, die diese Rolle fordert.

Mime: Dan Karl­ström als quicklebendig jaulender Mime überzeugt als virtuoser Tenor und erscheint auch darstellerisch überaus eloquent mit dynamischem Spiel.

Erda: Die prägnante Nicole Piccolomini überzeugt als kraftvoll orgelnde Urmutter mit warmem Mezzosopran und dunklem Timbre.

Donner: Michael Kraus gibt den Donner mit kräftigem Bariton überzeugend, wirkt aber seltsam überdimensioniert angesichts der kleinen Rolle.

Froh: James Allen Smith überzeugt optisch, strahlend blond, und gesanglich mit jungem Tenor, wirkt aber auch seltsam überdimensioniert angesichts der kleinen Rolle.

Fricka: Karin Lovelius wirkt langweilig und unauffällig, vielleicht auch rollengemäß, ihre Hausfrauenperücke verweist nicht gerade subtil auf die „Freuden“ des Ehestandes, da fehlt zum dämonischen Hausweib noch viel. Von Eleganz und Grand-Dame-Attitude jedenfalls keine Spur.

Freia: Sandra Trattnigg, die angeblich mit scheinbar müheloser Präzision und brillantem Sopran frisch und begehrlich sang, wirkte auf mich einfach nur peinlich und ihrem Götterberuf unangemessen, eine ausdruckslose Barbie, dümmlich, ein naives Püppchen, das gestalterisch wie sängerisch völlig im Abseits steht.

Fafner: James Moellenhoff könnte trotz aller Stimmgewalt noch brachialer agieren, als Brudermörder eben.

Fasolt: Mit lyrischem und schon fast balsamischem Bass verkörpert Stephan Klemm einen sehr menschlichen, liebenden Riesen. Auch das ist brachialer möglich, wenn nicht gar nötig.
"Alas, poor Yorick! I knew him, Horatio; a fellow of infinite jest, of most excellent fancy; he hath borne me on his back a thousand times; and now, how abhorred in my imagination it is! My gorge rises at it. Here hung those lips that I have kissed I know not how oft. Where be your gibes now? Your gambols? Your songs? Your flashes of merriment, that were wont to set the table on a roar?"

Yorick

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57

Dienstag, 17. März 2015, 19:16

Zitat

Mythische Elemente:

Die Idee fand ich gut und sie wurde auch gut umgesetzt, schließlich kommt Gilmore eigentlich vom Ballett her. Zwölf Tänzerinnen und Tänzer werden auf dem Besetzungszettel aufgeführt, die immer mal wieder Möbel rein und raus tragen und gelegentlich den Boden trockenwischen müssen. Zwölf Personen, die in verschiedenen Kostümierungen von der Harpyie bis zum Nibelungen-Sklaven die diversen stummen Rollen spielen, aber zugleich auch die Umbauarbeiten auf offener Bühne besorgen und zudem einige Balletteinlagen geben. Die mythischen Elemente sind omnipräsent auf der Bühne und illustrieren, beobachten und begleiten das Geschehen; immer künstlerisch überhöht. Sie sind der zentrale Mittelpunkt dieser Inszenierung. Sie sind Helfershelfer der Protagonisten, stellen in der Verwandlungsszene im dritten Bild Riesenwurm und Kröte dar, sind die geknechteten Nibelungen, erscheinen als Wotans Raben oder als Nornen in der Erda-Szene, ein gelungener Verweis auf die drohende Götterdämmerung, und bewegen während der offenen Wechsel zwischen den einzelnen Bildern grazil die wenigen Requisiten hin und her. Ihre elastischen Körperhüllen lassen viel Spielraum für Verwandlung, Phantasie und Mythos zu. Das schauspielerische Element kommt aber durch den Einsatz der mythischen Figuren auf jeden Fall zu kurz. Dass Freia sich vielleicht auch ein bisschen in den Riesen Fasolt verguckt hat und nicht nur der sich in sie, dass die Ehe zwischen Fricka und Wotan noch einigermaßen funktioniert und erst im nächsten Teil, der "Walküre", auf die Probe gestellt wird oder dass Loge von Wotans skrupellosem Verhalten extrem angewidert ist - all das ist auf der Bühne kaum zu sehen.


Fazit:


Eine ordentliche Aufführung, geeignet für Einsteiger; der szenische Ansatz mag natürlich Geschmacksache sein! Vergleiche mit der Inszenierung von Joachim Herz aus den 70er Jahren sind wenig hilfreich und vor allem verfrüht. Natürlich erwartet man sich von Leipzig als der Wagner-Stadt neben Dresden und Bayreuth eigentlich etwas interpretatorisch Besonderes, aber seien wir ehrlich, seit der „Ring“ praktisch überall in Deutschland und der Welt aufgeführt wird, hat eine gewisse Beliebigkeit Einzug gehalten, gepaart mit modernistischen Ansätzen und natürlich dem Regietheater. Im Vergleich zum Weimarer Versuch schneidet Leipzig jedenfalls nicht schlecht ab, im Gegenteil, aber natürlich müssen wir die folgenden drei Streiche noch abwarten für ein abschließendes Urteil! In diesem „Rheingold“ stecken jedenfalls fast 100 Prozent „Rheingold“ drin; das wird einem überregionalen Ruhm wahrscheinlich eher hinderlich sein, als wenn man auf überspitzte Deutungen und Welterklärungen gesetzt hätte. Gewinner ist weder Kritik noch Feuilleton, sondern das Publikum, das dementsprechend mit Beifall nicht geizte.
P.S. Das mit den 10000 Zeichen ist doof ...
"Alas, poor Yorick! I knew him, Horatio; a fellow of infinite jest, of most excellent fancy; he hath borne me on his back a thousand times; and now, how abhorred in my imagination it is! My gorge rises at it. Here hung those lips that I have kissed I know not how oft. Where be your gibes now? Your gambols? Your songs? Your flashes of merriment, that were wont to set the table on a roar?"

Ulli

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Dienstag, 17. März 2015, 19:23

P.S. Das mit den 10000 Zeichen ist doof ...

Nö. Für ein Zitat - zumal ohne Quellenangabe - sind 10.000 Zeichen sogar viel zu viel...

;)
Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.
W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

Yorick

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59

Dienstag, 17. März 2015, 19:25

P.S. Das mit den 10000 Zeichen ist doof ...

Nö. Für ein Zitat - zumal ohne Quellenangabe - sind 10.000 Zeichen sogar viel zu viel...

;)

Ist doch von mir ... :wink:
"Alas, poor Yorick! I knew him, Horatio; a fellow of infinite jest, of most excellent fancy; he hath borne me on his back a thousand times; and now, how abhorred in my imagination it is! My gorge rises at it. Here hung those lips that I have kissed I know not how oft. Where be your gibes now? Your gambols? Your songs? Your flashes of merriment, that were wont to set the table on a roar?"

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60

Dienstag, 17. März 2015, 19:29

Dann hätte es auch ein Link getan, denn innerhalb unseres Netzes geht ja nix verloren ;)
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