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Samstag, 14. April 2018, 16:08

Bilgram, Hedwig (*1933): Orgel und Cembalo

Der Weg von Hedwig Bilgram zur renommierten Organistin und Cembalistin war nicht unbedingt vorgezeichnet. Zwar entwickelte sie schon frühzeitig eine Vorliebe für die Orgel, zwei Brüder ihrer Mutter waren als Orgelbauer tätig, jedoch nahm sie 1952 auf Anraten ihres Vaters ("Wenn schon Kunst, dann was Solides") zunächst ein Schulmusikstudium (Hauptfächer: Klavier und Geige) auf, das sie 1958 nach ihrem Referendariat abgeschlossen hat. Parallel dazu hat sie regelmäßig die Orgel traktiert. Eine Begegnung mit Karl Richter im Jahr 1952 führte dazu, dass sie bei ihm zusätzlich Orgel als Hauptfach studiert hat und ihn bei Orgeldiensten in der Münchner Markuskirche vertreten hat, was angesichts der ausgedehnten Reisetätigkeit Richters gewiß nicht selten der Fall gewesen sein dürfte. Daneben hat sie für den Münchner Bachchor korrepetiert, was schließlich dazu führte, dass sie von Richter auch als Continuospielerin (Orgel, Truhenorgel) engagiert worden ist.

Bei Wikipedia heißt es insoweit:

Zitat

Orgel und Cembalo sind mit ihr als Interpretin immer deutlich vernehmbar.
Dabei handelt es sich um ein Merkmal, dass ich beispielsweise in Richters Kantatenaufnahmen schon immer so wahrgenommen habe. Ob dies nun historisch korrekt ist oder nicht, will ich einmal dahingestellt sein lassen.

Bei Wikepedia lese ich in diesem Zusammenhang:

Zitat

Diese Praxis entspricht nach neuestem Forschungsstand den tatsächlichen historischen Gegebenheiten stärker als ein lediglich akkordisch ausgesetzter und kaum vernehmbarer Klangschleier der Generalbassinstrumente.
Neben ihrer Tätigkeit als Generalbassspielerin bei Karl Richter in vielen Kantatenproduktionen war Hedwig Bilgram zusammen mit Richter auch an der Archivproduktion der Bachschen Clavierkonzerte beteiligt (Werke für 2, 3, und 4 Cembali - verwendet wurden Neupertinstrumente moderner Bauart, Modell Bach). Später verlagerte sich das Interesse Bilgrams auf Cembali und Hammerclaviere in historischer Bauart.

Ihre enge musikalische Tätigkeit mit Karl Richter führte auch dazu, dass Hedwig Bilgram mit vielen seinerzeit namhaften Instrumentalsolisten, die bei Richters Aufführungen mitgewirkt haben, wie beispielsweise mit Maurice André/Paul Meisen(Duo Orgel/Trompete bzw. Flöte) oder Peter Schreier (Schemelli), in Kontakt kam, woraus wiederum diverse kammermusikalische Schallplatteneinspielungen entstanden sind. Gerade der Bereich Kammermusik scheint für Hedwig Bilgram in den 70er und 80er Jahren immer von besonderer Bedeutung gewesen zu sein, denn das Zusammenspiel mit den Melodieinstrumenten inspiriere, so Bilgram, das Spiel auf der Orgel oder dem Cembalo zu einer sinnvoll fließenden Artikulation.

Neben der Tätigkeit als Ensemblemusikerin hat Hedwig Bilgram das Solospiel (Konzert- und Schallplattenaufnahmen [Genzmer, Bach, Reger u.a.]) nie vernachlässigt.

Hedwig Bilgram ist sicher in einer Zeit groß geworden (Tradition Straube-Ramin-Richter), als die Beschäftigung mit historischen Instrumenten im Bereich der Alten Musik nicht unbedingt im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens stand. Gleichwohl kann man immer wieder Äußerungen der Interpretin vernehmen, wonach sie gerade historische Cembali aber Hammerclaviere (Nachbauten) als geeigneter für die Aufführungspraxis im Bereich der Alten Musik erachtet. Als Beleg dafür soll eine Aufnahme mit Hedwig Bilgram aus 2001 dienen:



Die Interpretin spielt auf einem Neupert-Hammerclaviernachbau nach Dulcken, 1815, Werke von C.P.E. Bach, Haydn und Schubert.

Dass Hedwig Bilgram auch als engagierte Hochschullehrerin über Jahrzehnte hinweg tätig gewesen ist und eine Reihe namhafter Instrumentalisten ausgebildet hat, sei hier abschließend noch erwähnt.

PS: kürzlich feierte Hedwig Bilgram ihren 85. Geburtstag. Aus diesem Anlaß sendete der Dlf eine Sondersendung Die Organistin und Cembalistin Hedwig Bilgram - Bach als Mittelpunkt (wie ich feststelle, wurde der Link zum Nachhören der Sendung inzwischen leider entfernt - wirklich sehr schade, denn Hedwig Bilgram erzählt einige hochinteressante Anekdoten aus ihrem Leben, die bemerkenswerte Schlaglichter auf ihre musikalische Entwicklung werfen).

PPS: eine Übersicht der Aufnahmen mit Hedwig Bilgram findet man hier.

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Samstag, 14. April 2018, 16:44

Bei Wikipedia heißt es insoweit:

Zitat

Orgel und Cembalo sind mit ihr als Interpretin immer deutlich vernehmbar.
Dabei handelt es sich um ein Merkmal sein, dass ich beispielsweise in Richters Kantatenaufnahmen schon immer so wahrgenommen habe. Ob dies nun historisch korrekt ist oder nicht, will ich einmal dahingestellt sein lassen.
Ich glaube nicht wirklich, daß es damals als "historisch korrekt" galt - ich verknüpfe diese deutliche Präsenz eher der klanglichen Auffassung seitens Richters, wie er sich die Aufnahmen wünschte. Ich habe es auch nie als störend empfunden, zumal der bc bei solistischen Besetzungen ohnehin deutlich wahrnehmbar ist; bei Richter ist er eben auch bei Großbesetzungen zu hören.

Gibt es denn überhaupt eine zeitgenössiche Quelle, in der die Lautstärke eines bcs näher erläutert wird, wie er sein soll bzw. nicht sein soll? Ich habe nämlich das Gefühl, daß dies ein Merkmal ist, welches jedes Ensemble für sich selber entscheidet. Ich würde auch nicht auf die Idee kommen, dieses Merkmal als "authentisch" erfassen zu lassen, weil es zu sehr von den vorhandenen Gegebenheiten abhängig ist.
Unser *opi* nahm *opi*-um - Bumms! fiel unser *opi* um.

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Samstag, 14. April 2018, 16:52



Diese CD habe ich in der André-Box - ist ein schönes Beispiel für die Kunst beider, einen Draht zueinander zu knüpfen und die Musik zwischen ihnen hin- und her fließen zu lassen. Das hatte schon was Magisches.

Ihre Musikalität hat sich auch immer wieder Bahn gebrochen, so daß Richter gewiß nicht die Falsche gefördert hat; mit so einer Begleiterin gelingt Musik immer vorzüglich... *yes*
Unser *opi* nahm *opi*-um - Bumms! fiel unser *opi* um.

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Samstag, 14. April 2018, 21:35

Ich wünschte mir CD-Veröffentlichungen dieser Erato-Solo-Aufnahmen:

Bach 1
Bach 2

Ich habe gesucht aber nichts gefunden, :( . Falls es wider Erwarten etwas geben sollte, bitte ich inständig um einen Hinweis.

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Samstag, 14. April 2018, 23:23

Ich fand auf die Schnelle auch nichts... *hä*

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Sie war übrigens noch an einer Fugenkunst beteiligt:

Bayer Records - 2 CDs (22 Tracks)
Intercord - 1 CD (18 Tracks)
(P) 1979

Bell’Arte Ensemble:
Susanne Lautenbacher (Violine)
Ulrich Koch (Viola)
Enrique Santiago (Viola scordatura)
Martin Ostertag (Violoncello)
Hedwig Bilgram & Egino Klepper (Cembalo)
Unser *opi* nahm *opi*-um - Bumms! fiel unser *opi* um.

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Sonntag, 15. April 2018, 08:54

Ihr wisst, ich kann in den Fachdiskussionen gar nicht mitreden und äussere nur, was die für mich zentrale Bezugsinstanz, meine Ohren, mir sagen.
Und für die ist das präsente Continuo-Spiel Hedwig Bilgrams in Richters Aufnahmen einfach ein Genuss!
Ich gehe auch nicht zuweit, wenn ich bekenne, dass trotz einer Auswahl aus ca.20 Aufnahmen an den Weihnachtstagen bei mir stets Richters WO erklingt- und zwar in erster Linie deshalb, weil mich neben Fritz Wunderlichs Stimme jedes Jahr aufs Neue Hedwig Bilgrams Spiel fasziniert. :jubel: :jubel: :jubel:
Erfahrung ist der Kamm, den das Leben Dir schenkt, wenn die Haare ausgegangen sind!

Yorick

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7

Sonntag, 15. April 2018, 09:00

Das ist insofern interessant, als ich den Namen Hedwig Bilgram eben erst durch Maxens Eröffnung präsent habe; und das, obwohl ich natürlich auch über Jahrzehnte endlos Richter-Aufnahmen gehört, nie aber dem Bc wirklich Beachtung geschenkt hätte; sondern meines Erachtens diesen in meiner frühen Jugend gar als störend empfand.
"Alas, poor Yorick! I knew him, Horatio; a fellow of infinite jest, of most excellent fancy; he hath borne me on his back a thousand times; and now, how abhorred in my imagination it is! My gorge rises at it. Here hung those lips that I have kissed I know not how oft. Where be your gibes now? Your gambols? Your songs? Your flashes of merriment, that were wont to set the table on a roar?"

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Sonntag, 15. April 2018, 13:00

Hedwig Bilgram ist sicher in einer Zeit groß geworden (Tradition Straube-Ramin-Richter), als die Beschäftigung mit historischen Instrumenten im Bereich der Alten Musik nicht unbedingt im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens stand. Gleichwohl kann man immer wieder Äußerungen der Interpretin vernehmen, wonach sie gerade historische Cembali aber Hammerclaviere (Nachbauten) als geeigneter für die Aufführungspraxis im Bereich der Alten Musik erachtet. Als Beleg dafür soll eine Aufnahme mit Hedwig Bilgram aus 2001 dienen:



Die Interpretin spielt auf einem Neupert-Hammerclaviernachbau nach Dulcken, 1815, Werke von C.P.E. Bach, Haydn und Schubert.
Zur Ergänzung noch ein Konzertbericht aus 2009 (Beethoven, Schumann, Chopin). Hedwig Bilgram bespielte seinerzeit einen Hammerflügel aus dem Hause Conrad Graf:

--> klick

Bei der oben gezeigten Aufnahme (Cavalli Records) mit Werken von C.P.E. Bach, Haydn und Schubert aus 2001 wird es sich vermutlich um die einzige handeln, die Hedwig Bilgram mit einem Hammerflügel realisiert hat.

9

Sonntag, 15. April 2018, 15:24

Gibt es denn überhaupt eine zeitgenössiche Quelle, in der die Lautstärke eines bcs näher erläutert wird, wie er sein soll bzw. nicht sein soll?
Würde mich auch interessieren.

In dem WIkipediaartikel zu Hedwig Bilgram heißt es:

Zitat

Orgel und Cembalo sind mit ihr als Interpretin immer deutlich vernehmbar; sie verlieh dem Gesamtklang stets zusätzlich Farbe, Dynamik und Rhythmus. Diese Praxis entspricht nach neuestem Forschungsstand den tatsächlichen historischen Gegebenheiten stärker als ein lediglich akkordisch ausgesetzter und kaum vernehmbarer Klangschleier der Generalbassinstrumente.
Die Behauptung bleibt leider unbelegt. Wenn man sich zudem die Versionsgeschichte dieses Artikels ansieht, scheint hier eine Bearbeiterschar am Werk gewesen zu sein, deren zentrales Bestreben es war Interpretationen im Nachgang zu Karl Richter und seinem Musikverständnis/Generalbaßverständnis möglichst negativ erscheinen zu lassen.

Version vom 05.12.2013:

Zitat

Die langweilig ausgesetzten und kaum vernehmbaren Klangschleier der Truhenpositive in Aufnahmen von Harnoncourt und Herreweghe widersprechen dem barocken Generalbassverständnis vollkommen.


Version vom 11.09.2013:

Zitat

Die oft trocken ausgesetzten und dünnen - wenn überhaupt vernehmbaren - Klangschleier der Truhenorgeln in Aufnahmen etwa von Harnoncourt und Herreweghe dagegen widersprechen dem barocken Generalbassverständnis.
Insoweit scheint es mir, dass uns hier, bezogen auf das barocke Generalbaßverständnis, eine Darstellung seitens Wikipedia geliefert wird, die vielleicht nicht sonderlich ernst zu nehmen ist.

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Sonntag, 15. April 2018, 18:51

Wenn es nicht belegt worden ist, dann ist diese Aussage nichts mehr als eine persönliche Meinung des betreffenden Wikipedia-Autors - dementsprechend sollten wir sie generell außen vor lassen.

Was aber nicht bedeutet, daß der bc im Barock nicht bestimmte Aufgaben zu erfüllen hatte, zumal wir es hier konkret an Bilgrams Spiel besprechen. Es kann ja sein, daß Richter ihr Spiel bewußt "verstärkt" hat, um ihre Kunst deutlicher herauszustellen; das muß kein Widerspruch dazu sein, eine adäquate Interpretation von Bachs Musik abzuliefern.
Unser *opi* nahm *opi*-um - Bumms! fiel unser *opi* um.

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