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Ulli

Ritter vom goldenen Spott

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141

Donnerstag, 25. Januar 2018, 18:42

Die Akkuratesse der Streicher zeigte sich allerdings im anschließenden Lontano von Ligeti noch deutlicher; da bin ich ja bald vom Stuhl geflogen, wie plötzlich die 9 Bässe ohne Fehler und punktgenau in das Gesumme für den Bruchteil einer Sekunde reinschrammten ...

... kommt leider im YT-Video bei 1:05:01 überhaupt nicht zur Geltung ... ich saß direkt davor: das war wie eine Kreissäge, die binnen Sekunden den Raum teilte ... *flöt*
Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.
W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

Yorick

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142

Donnerstag, 25. Januar 2018, 18:52

Live is live: Konzert, Oper, Kammermusik, Liederabend - Von der Einmaligkeit des Erlebens vor Ort

Ein altes Problem; das Erlebnis vor Ort lässt sich auf Konserve so gut wie nie einfangen. Ich vermutete Ähnliches ja z.B. bei Günter Wand.
"Alas, poor Yorick! I knew him, Horatio; a fellow of infinite jest, of most excellent fancy; he hath borne me on his back a thousand times; and now, how abhorred in my imagination it is! My gorge rises at it. Here hung those lips that I have kissed I know not how oft. Where be your gibes now? Your gambols? Your songs? Your flashes of merriment, that were wont to set the table on a roar?"

Ulli

Ritter vom goldenen Spott

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143

Donnerstag, 25. Januar 2018, 19:01

Nunja, das Gesamtergebnis lässt sich sicher gut fixieren; Details - wenn man , wie ich bei Currentzis, direkt von den Bässen sitzt - wohl eher nicht; außer: die Aufnahme wäre exakt darauf fokussiert worden. Ist halt so ...
Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.
W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

Ulli

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144

Sonntag, 4. Februar 2018, 21:25

04.02.2k18, Christuschurch, Carlsruhe

HÄNDEL: ISRAEL IN EGYPT HWV viernfuffzich

Clara Sophie Bertram, Sopran
Katharina Sebsastian, Sopran
Matthias Lucht, Altus (!)
Marcus Ullamnn, Tenor
Julian Popken, Baß
Lorenzo de Cunzo, Baß

KIT Konzertchor
Carlsruher Barockorchester
Nikolaus Indlekofer


War sehr gelungen! Leider wurde der erste Theil (Klage Israels über den Tod Josephs) ausgelassen1, also das abermals revidierte Werk in der 2teiligen Fassung dargeboten, aber dies sehr angenehm. Besonders hervorzuheben waren die beiden Baß-Solisten, die im Duett „The Lord is a man of war" für mich das Highlight waren. Zwei recht große Chöre standen parat, hin und wieder - besonders in den Trebles - einige Spitzen vergeigt, aber so ein Liveerlebnis kann das nicht trüben.

Die Akustik in der Christuskirche war atemberaubend gut, hätte ich nicht gedacht; seit der Sanierung vor einigen Jahren hatte ich dieses Gebäude nicht mehr betreten. Dem Carlsruher Barockorchester wohnt noch immer der Pioniergeist inne, der den Freiburger Kollegen, dem Concerto Köln u.a. längst abhanden gekommen ist.

Wie jemandem bei diesem Oratorium langweilig werden könnte, ist mir schleierhaft ...

Händel 4 ever! :love:


1 Wiki: „Die Musik für den ersten Teil, Lamentation of the Israelites for the death of Joseph, übernahm er aus dem Funeral Anthem, der Begräbnismusik für Königin Caroline, die er zwei Jahre zuvor geschrieben hatte. Nur wenig Text musste geändert werden. Bereits beim Druck der Partitur wurde der erste Teil aber wieder weggelassen, sodass das Oratorium endgültig ein zweiteiliges Werk ohne Ouvertüre wurde (Exodus und Moses Song). In dieser Form wird es auch heute zumeist aufgeführt.“
Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.
W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790

145

Samstag, 10. März 2018, 10:05

Benefizkonzert der Kolibri-Stiftung in München 08.03.2018: Mozart 5.Violinkonzert und Mahler 5.Symphonie

Gestern fand im Herkulessaal in München das Benefizkonzert der Kolibri-Stiftung statt.

Es gab Mozarts 5.Violinkonzert und die Fünfte Mahler.

Es spielte die Neue Philharmonie München unter der Leitung von Yoel Gamzou, der Solist war Gilles Apap.

Dazu muss man wissen, dass eine große Anzahl junger Menschen aus verschiedenen Schulen und Berufsschulen über Ticketpatenschaften sowie eine Menge Migrantinnen und Migranten bzw. Geflüchtete das Publikum dort jünger und bunter gestalteten, als das sonst in München der Fall ist.
Für Viele war ausgerechnet Mahler der Erstkontakt mit einem Klassikkonzert…

Der Mozart war, wie soll ich das sagen, ohne negativ zu klingen (was ich wirklich nicht möchte), vermutlich die skurrilste Aufführung dieses Konzertes, die ich je gehört habe (und die auch in Zukunft nur schwer zu übertreffen sein dürfte).

Es fing alles ganz "harmlos an". Gilles Abap spielt eher wie ein, wie beschreibe ich das, eine männliche Version von Patricia Kopatschinskaja mit Schuhen. Nein, das klingt nicht gut. Er ist schon ein Original, keine Version von irgendetwas. Aber er legt deutlich mehr Wert auf das Werk, auf Spielfreude, auf musikalische Gestaltung als auf geschliffenen Schönklang. Seine Geige darf auch mal krächzen, seufzen, knarzen. Aber dadurch gerade wurde das Konzert frisch, jung, mitreißend und konnte hoffentlich auch die "Neulinge" angemessen mitreißen. Soweit, so gut…
Als dann Yoel Gamzou sich vor dem Finale an das Publikum wandte mit dem Hinweis, Mozart hätte seine Werke so gestaltet, dass die Kadenz dem Solisten die Möglichkeit gebe, das Werk in seine Zeit und seinen Erfahrungshorizont zu holen, und dass was immer Gilles Apap täte, durchaus mit Bedacht und in musikalischem Ernst geschehe, machte das Neugierig auf das, was geschah.
Zu Beginn war es ein Rondo-Finale, wie man es erwartete. Spielerisch fröhlich, bei Bedarf auszierend und mit Überleitungen versehen gestaltete sich ein lustiges Zwiegespräch zwischen Solist und Orchester.
Die Kadenz begann mit ein paar musikalischen Gedanken über die Themen des Finales. Dann brach es los. Die Kadenz nahm sich jeweils eines der Themen heraus und setzte sie in einen vollkommen neuen, musikalischen Kontext, begleitet vom Orchester, verstärkt um ein Jazz-Schlagzeug und türkische Trommeln (sic!). Da erklang das Thema im Big-Band-Sound, als Irish Fiddler, als türkische Musik (nicht im Mozartschen, sondern im authentischen Sinne, eine orientalisch intonierte Geige mit dezenten türkischen Handtrommeln — fantastisch), so dass eine musikalische Tour um die Welt entstand — und das alles mit Mozarts Themen! Das All Ungharese als Irish Fiddler Music — das war atemberaubend, überraschend, aber toll. Muss ich nicht jedes Mal haben (dann ist ja auch die Überraschung weg), vielleicht auch nicht als CD im Auto, aber als Erfahrung den Abend wert! Die Kadenz war dann länger als das ganze Finale. Irgendwann beschied Apap dann (mit Worten): "Genug", Yoel Gamzou kam von seinem Sitzplatz im Orchester wieder zum Pult und nahm das Thema wieder auf.
Das ganze verklang dann in passend verspielter Weise, indem Apap den letzten Skalentönen seiner Geige noch ein paar gepfiffene, hohe Töne folgen lies… tosender Applaus und der Beweis, dass man auch junge Leute für Klassik begeistern kann, wenn man nicht immer als oberlehrerhafter alter Mann im schwarzen Anzug auftritt.

Größer hätte der Kontrast zum Mahler nach der Pause nicht sein können.

Kein Humor, keine Spökes, keine Schnörkel, kein glättender Schönklang, sondern Mahler hielt dem Publikum, gemischt aus älteren Münchner Wohlstandsmenschen und jungen Leuten, die gerade ihr ganzes Leben auf Links krempeln oder an ihrer Zukunft in soliden Berufen arbeiten, einen Spiegel vor, der nicht Gesichter sondern Seelen zeigte.
Mahler führt jeden Dirigenten, jedes Orchester, an seine Grenzen und bisweilen darüber hinaus. Man blickte in konzentrierte und leidenschaftliche Gesichter vorwiegend junger Musikerinnen und Musiker, denen Mahler physisch und psyschisch alles abverlangte.
Yoel Gamzou hatte eine anspruchsvolle Tempogestaltung, geprägt von starken Kontrasten, Tempowechseln, Übergängen und Rubati, die an das Orchester ebenfalls sehr hohe Ansprüche stellten.
Nebenbei: die Bläsersolisten (die Trompete im ersten und das Horn im Mittelsatz) haben eine Weltklasseleistung abgerufen und den jeweiligen Sätzen einen stabilen klanglichen und emotionalen Rahmen gegeben. Die Harfenistin verlieh dem Adagietto gleichermaßen Bewegung und Stabilität als Rahmen für einen der melodischsten Sätze Mahlers.
Das Finale war dann ein orgiastischer Kehraus, der so leichtfüßig tänzerisch daherkommt und dann in die große Emotion mündet.
Auf Mahler muss man sich einlassen, Mahler lebt vom Mitmachen (zumindest emotional); darauf konnte sich vermutlich nicht jeder einlassen, vor allem im "etablierten, Münchner Block", in dem wir saßen, ging den Menschen um mich herum scheinbar die Bereitschaft dazu ab. Schade. Das Publikum war teliweise der Musiker nicht wert.

Für mich persönlich enttäuschender Tiefpunkt des Abends: als (leider nur sehr vereinzelt) den großartigen Musikerinnen und Musikern, allen voran Yoel Gamzou und den Bläsersolisten sowie der Harfenistin, standing Ovations dargebracht wurden, bekam man von hinten zu hören, man solle sich gefälligst Hinsetzen, das sei ja wohl eine Unverschämtheit, und wurde sogar betatscht, um der Forderung Nachdruck zu verleihen. Dass man selbst mal den Hintern aus dem Sessel erheben könnte, um die Musikerinnen und Musiker zu feiern, kam den Herrschaften (die sich schon im ersten Satz über den Lärm mokierten) wohl nicht in den Sinn. Traurig. Das Münchner Publikum ist mir schon öfter als undankbar aufgefallen, vor allem in etablierten Konzerten. (Im Gegensatz dazu die zeitgenössische Chormusik unter Currentzis im Prinzregententhater — anderes Publikum, andere Stimmung, weniger Pelz und Seidenkrawatte, mehr Emotion).

Fazit: ganz große Musik, von der ich hoffe, dass sie unter den zahlreichen jungen Menschen vielleicht wenigstens eine Handvoll für die Klassik begeistern konnte, gelungener Abend, und das nächste Mal möchte ich nicht wieder unter den reichen und vermeintlich schönen sitzen (nur dass dieses Mal die anderen Plätze halt nicht im freien Verkauf waren).
Ach ja, falls Yoel Gamzou das mal liest: ich wünsche mir eine Einspielung aller Mahler-Sinfonien unter der Leitung von Yoel Gamzou.
Lucius Travinius Potellus
Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

Ulli

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Sonntag, 25. März 2018, 21:43

Besançon, Hôtel Alviset, 24.03.2018

Um 20 Uhr 30 begann im intimen Rahmen des Salle de Séjour im Hôtel Alviset (in unmittelbarer Nähe des Geburtshauses Victor Hugos und jenem der Gebrüder Lumiére) das clavierhändige Schubertiadeprogramm mit Arthur Schoonderwoerd und Jérôme Grangon:

Divertissement à la Hongroise, op. 54 D818 (Imo JG, IIdo AS)
Grande Marche Funèbre d-moll op. 55 D859 (dto.)
Lebensstürme op. post.144 D947 (Imo AS; IIdo JG)
Ländler Es-Dur D814/1 (dto.)*
Fantasie f-moll op. 103 D940 (Imo JG; IIdo AS)

Zugabe: Marche charactéristique C-Dur D968B/1 ex D886/1

Instrument: unrestaurierter Original-Érard-Flügel c1880

Beide Forteisten, so unterschiedlich sie sich präsentierten, waren in Bestform und bester Laune und präsentierten ein Mammutprogramm, das an gefühlter Leichtigkeit kaum zu überbieten war. Der Abend verging wie im Fluge und doch gab es Momente, die fast eine Ewigkeit dauerten, leider eben nur fast: das Highlight war (wie gewünscht) das Allegretto aus D818 nach der „ungarischen Melodie“. Dafür, daß das Instrument definitiv unrestauriert war, klang es sehr forsch und einnehmend, manches Mal hakte die ein oder andere Taste im oberen Tonbereich, was leicht als „Verspieler" interpretiert werden kann. Den Raum befüllten ca. 30, vielleicht 40 Leute, die Atmosphäre war sehr privat, wie sich das für eine Schubertiade gehört. Ich fand es bemerkenswert, daß Arthur Schoonderword nicht darauf bestand, stets den Primo zu geben, sondern in den Hauptteilen die Baßpartie zu spielen - und das gepaart mit seiner angewachsenen pittoresken Mimik, die sich ganz contraire zu der Jérôme Grangons präsentierte, der stets ernsthaft, machmal melancholisch dreinblickte - so war es wirklich ein hör- und sichtbares Wechselspiel der Gefühle.

Im Anschluß gab es ausgiebig Gelegenheit, bei Speis und Trank mit den Künstlern zu kommunizieren - wirklich tolle Projekte stehen in den Startlöchern; nur soviel vorab (unter dem Mäntelchen des Schweigens): Schoonderwoerd wird mit seinem Ensemble Cristofori im September in Bonn gastieren und damit beginnen, die Sinfonien eines gewissen B aus B, freiwillig wohnhaft in W, zu spielen ...

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:wink:

*vorgesehen war lt. Programm ursprünglich der Grande Marche Héroïque en La mineur, opus 66, D.885 (1826) à l’occasion du Sacre de Sa Majesté Nicolas I, Empereur de toutes les Russies (hat aber wohl niemand bemerkt)
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