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Freitag, 22. November 2013, 13:20

Noverres Ballette in Versailles

In Versailles wurde in der vergangenen Saison ein neues Genre erschlossen, das zwar jedem Musik und Theaterfreund bekannt ist, doch von dem es außer einer vagen Beschreibung im Grunde kaum mehr zu finden war:

Die Ballette des Noverre

Noverre gilt als Begründer des modernen Balletts und Schöpfer des Ausdrucksballetts.
Seit seinen Bahnbrechenden Werken war es zum ersten Male möglich auf der Bühne reines Ballett zu zeigen, das eine Handlung erzählen konnte, ohne auf gesprochene oder gesungene Partien angewiesen zu sein.

Die Produktion in Versailles war aufwendig:
Die Szenerie kam sehr historisch daher: gemalte Kulissen, die in der Manier des 18. Jahrhunderts durch eine Bühnenmaschine bewegt wurden. Die Kostüme fielen dagegen deutlich ab, doch dazu später mehr. Man hatte sich zwei Ballette ausgesucht, die zwar nicht für den französischen Hof geschrieben wurden, doch stilistisch natürlich französisch sind. Entstanden sind sie für die aufwendigen Theaterproduktionen des Stuttgarter Hofes unter Carl Eugen von Württemberg. Noverre hatte die Ballette hauptsächlich für die Hofopern Jommellis zu arrangieren. Die Themen der beiden Ballette: „Renaud et Armide“ und „Médée et Jason“ zwei so bekannte Sujets, dass ich mir eine Inhaltsangabe der beiden Geschichten spare.
Die Musik stammte von dem elsässischen Komponisten Jean-Joseph Rodolphe (1730-1812).
Er war in Paris Schüler von Leclair gewesen, und dann schließlich in Stuttgart bei Jommelli.


Ob diese Aufführung in ihrer jetzt stattgefundenen Form und Inszenierung heute noch Sinn macht, lass ich mal dahingestellt.
Angeblich solle ja die Choreographie – um die es ja Hauptsächlich geht – von Noverre stammen.
Ich muss da doch ziemlich die Stirn runzeln…. Man merkt deutlich, dass die Gesamtchoreographie historisch inspiriert ist, aber man merkt auch sehr deutlich, dass hier der zuständige Choreograph offenkundige Stilbrüche begeht – allein die Partie von Armide, so hätte niemals eine Frau im 18. Jahrhundert getanzt – auch die vielen eher "klassischen Figuren", gehören doch eher in den Schwanensee, als hierher.
Die Kostüme der Tänzer sind ebenfalls nur historisch inspiriert und entsprechen kaum den Originalen des 18. Jahrhunderts. Denn Tänzerinnen trugen knöchellange Kleider, niemals Hosen.

Die Musik von Rodolphe erinnert stark an ähnliche Werke von Gluck (Don Juan, Alessandro, Semiramis) ohne jedoch zu fesseln oder zu begeistern (Armide). Kaum eine Passage ließ wirklich aufhorchen. Da konnte auch die engagierte Interpretation von Hervé Niquet und dem Concert Spirituel kaum etwas ändern. Vor allem "Renaud et Armide" war diesbezüglich extrem langweilig und nur schwer zu ertragen - Medea und Jason war durchaus interessant und kurzweilig.
Ich fand es jedoch insgesamt ziemlich langweilig, sowohl tänzerisch als auch musikalisch, das Highlight der Aufführung war in der Tat die Bühne selbst.
Würde man ganz und gar auf die alten Choreographien vertrauen und bei den Kostümen mehr Sorgfalt an den Tag legen, anstatt so einen Plunder zu zeigen, wäre wohl viel gewonnen, denn diese Werke leben von der Optik.
Sex, Drugs & Jean Baptiste Lully